Stephanie Giesecke

Wolfsburg Flexibilität ist in der zweiten Coronawelle in den Wolfsburger Schulen gefragt. Von einem auf den anderen Tag können Klassen in Quarantäne geschickt werden, für alle anderen beginnt ein Wechselspiel zwischen Lernen im Klassenzimmer und im Kinderzimmer. Laut Schulleitern, die den Wechsel zum so genannten Szenario B gerade mitgemacht haben, funktioniert der Übergang aber relativ reibungslos.

Anja Weitkamp sah ihr Kollegium gut vorbereitet, als in der Waldschule Eichelkamp vor zwei Wochen mit einem Coronafall der Ernstfall eintrat. Die Zweitklässler der evangelischen Grundschule wurden kurzfristig von ihren Eltern abgeholt. Sie erhielten in der Quarantäne täglich Online-Unterricht von den ebenfalls in Quarantäne befindlichen Lehrern. Übungen und Aufgaben wurden per Dropbox ausgetauscht. Auch die Kinder, die ihre Vormittage abwechselnd zu Hause und in der Schule verbrachten, wurden an den Distanztagen online unterrichtet.

„Wir haben unser Bestes gegeben“, sagt die Schulleiterin. Dieses Mal sollten die Eltern nicht die alleinige Verantwortung dafür tragen, dass ihre Kinder zu Hause lernten. Die Schüler, schildert Weitkamp beeindruckt, hätten sich sowohl im Präsenz- als auch im Distanzunterricht diszipliniert gezeigt. Trotzdem hofft die Rektorin nun, da ihre Schule seit Montag wieder im Normalbetrieb läuft, dass Szenario B nicht noch einmal eintritt: „Es hat gut geklappt, aber es ist anstrengend für alle.“

Noch einen Tag mit Wechselmodell haben die Schüler und Lehrer der Altstadtschule Vorsfelde nach einem Coronafall im dritten Jahrgang vor sich. Schulleiter Tim Brückner fand die Umorganisation wie seine Kollegin von der Waldschule gut machbar: Das Land Niedersachsen habe gut erklärt, was unter welchen Umständen zu tun ist. „Man konnte sich von langer Hand vorbereiten. Das haben wir gemacht.“

Für die Kinder stellte der Bruch in ihrem Schulalltag nach Einschätzung des Rektors kein Problem dar: „Die Schüler machen das nach zwei Tagen, als wäre nichts anders gewesen.“ Der Knackpunkt liege bei den Müttern und Vätern: „Die Eltern werden auf jeden Fall vor ein Problem gestellt.“

Um Betreuungspersonen zu entlasten, die für den Distanzunterricht weder Urlaub noch Krankheitstage nehmen konnten, richtete die Grundschule 14 Notgruppen ein. „Das schafft man nicht ohne seinen Ganztagspartner“, betont Brückner. Der MTV Vorsfelde habe die Lehrer toll unterstützt.

In den weiterführenden Schulen, die auf Coronafälle reagieren müssen, erweisen sich Notgruppen als verzichtbar. Das Gymnasium und die Oberschule der Eichendorffschule boten eine Notbetreuung für Fünft-, Sechst- und Siebtklässler an, als die Klassen vor zwei Wochen ins Szenario B wechseln mussten, doch nach Schilderung von Schulleiter Karl-Heinz Müller gab es keine Nachfrage.

Der Unterricht in der katholischen Schule fand im täglichen Wechsel zu Hause und vor Ort statt. „Das hat sich als sehr gut herausgestellt“, bilanziert Müller. Die Zeiten ohne Kontakt zwischen Lehrer und Schüler seien im wöchentlichen Wechsel zu lang.

Für eine noch engere Anbindung an die Schule entschied man sich in der Hauptschule Vorsfelde, nachdem Ende November eine fünfte Klasse in Quarantäne ging und die gesamte Schule ins Szenario B wechselte: Die eine Hälfte der Schüler hatte von 7.40 bis 10.05 Uhr Frühschicht. Die Spätschicht kam von 10.40 bis 13.10 Uhr. „Nach dem großen Durchlüften“, wie Schulleiter Henrik Becker sagt.

Vor der Rückkehr zur vollen Klassenstärke im Sommer hatte das Kollegium festgestellt, dass einige Schüler etwas versumpften: Sie kamen an den Distanztagen morgens nicht aus den Federn, fanden abends nicht ins Bett und erschienen an den Präsenztagen übermüdet zum Unterricht. Das klappt mit dem neuen Modell besser.

Einigen Pädagogen führt die Zeit mit halben Klassen schmerzhaft vor Augen, wie schön Unterrichten mit mehr Personal sein könnte. „Als Hauptschule würden wir uns wünschen, in den kleinen Gruppen weiter zu unterrichten, weil es unseren Schülern zugutekommt“, sagt Henrik Becker. Das ist nicht nur in der Hauptschule so. „Diese Ruhe in den Kleingruppen hat schon Vorteile“, schwärmt auch Karl-Heinz Müller: Die Lehrer könnten besser auf die einzelnen Schüler eingehen, und sie kämen schneller voran.

14 Notgruppen richtete die Altstadtschule Vorsfelde mit Unterstützung des MTV Vorsfelde ein, um den Eltern während des Wechselunterrichts den Rücken freizuhalten. Helge Landmann regios24

Wolfsburger Nachrichten, 08.12.2020, Seite 9