Am Dienstag betritt die Lessienerin die Matte – Ihre erste Gegnerin wird noch ermittelt

Mit voller Wucht ins neue Judo-Jahr: Die Lessienerin Giovanna Scoccimarro (v.) startet beim Masters in Doha und will dort den jüngsten Eindruck vom frühen EM-Aus wettmachen.foto: IJF/Marina Mayorova

Doha. Giovanna Scoccimarro kommt als Judo-Ass viel in der Welt herum, sieht zahlreiche Länder dieser Erde. Wie viele sie schon gesehen hat, kann sie Zuhause überprüfen. „Ich habe so eine Weltkarte, bei der man Länder freirubbeln kann, die man besucht hat“, verrät die Lessienerin. 2020 hatte die 23-Jährige durch den monatelangen sportlichen Lockdown wenig Gelegenheit, neue Flecken freizulegen. Jetzt wird dank ihrer Masters-Teilnahme aber Katar hinzukommen. „Ich bin zum ersten Mal in Doha“, sagt die Sportlerin des MTV Vorsfelde.

Am Dienstag auf der Matte

Außergewöhnlich, aber wahr: Zum zweiten Mal binnen zwölf Monaten ist es ein Start ins Olympia-Jahr für Scoccimarro. 2020 hatte sich die Lessienerin im Februar mit einem grandiosen Auftritt beim Judo-Grand-Slam in Düsseldorf das Ticket für Tokio gesichert. Dann kam Corona, die Verschiebung der Spiele auf 2021 und eine 272-tägige Wettkampf-Pause, ehe das Jahr mit einem überraschenden EM-Aus für die 23-Jährige endete. Am Dienstag startet die Kämpferin des MTV Vorsfelde nun also beim Masters in Doha (Katar) in die entscheidenden sechs Monate bis Olympia.

Entscheidend, weil Scoccimarro betont: „Ich will weiterhin gute Ergebnisse erzielen, dem Bundestrainer beweisen, dass er mich zu recht nominiert hat.“ Claudiu Pusa hatte unaufgeregt auf ihren schwachen EM-Auftritt reagiert, ihr Mut gemacht. Doch was war da eigentlich los in Prag, bei der Niederlage gegen die Russin Madima Taimazova? „Schwer zu sagen, ich glaube einfach, dass ich zu nervös war und nicht das umsetzen konnte, was ich eigentlich kann. Ich glaube, das war in dem Moment einfach das größte Problem für mich, dass ich nicht flexibel war und mich einfach dem Kampfstil meiner Gegnerin angepasst habe“, sagt die 23-Jährige ehrlich. „Jeder der mich kennt und kämpfen sehen hat, hat gedacht: ‚Sie hat das größte Fragezeichen in ihrem Gesicht, das es seit langem gegeben hat.“

Doch das war 2020 – ist aufgearbeitet, abgehakt, Vergangenheit. Die Gegenwart gibt ihr gleich die Chance, mit voller Wucht zurückzukehren. Das Masters in Doha? Ein richtiges Brett! Startberechtigt sind ausschließlich die jeweils ersten 36 Athletinnen und Athleten jeder Gewichtsklasse der Weltrangliste. In Sachen Quali-Punkte für Olympia ist es nach der WM das höchstdotierte Turnier.

Vor der Abreise am Freitag hatte Scoccimarro noch keinen konkreten Blick aufs Starterfeld geworfen. „Ich glaube, viele können vielleicht auch nicht Reisen aufgrund von Corona“, sagt die 23-Jährige. Oder es ist ihnen freigestellt. So handhabt es beispielsweise der britische Judoverband. So fehlt mit Sally Conway die Weltranglisten-Siebte aus Schottland, die elftplatzierte Gemma Howell (England) ist aber am Start. Insgesamt haben elf Qualifizierte in der 70-Kilo-Klasse auf ihren Start verzichtet. Neben Conway fehlen mit Chizuru Arai (Japan/Nr. 4) und Anna Bernholm (Schweden/Nr. 8) aber nur drei Judo-Asse, die in der Rangliste vor Scoccimarro (Nr. 9) platziert sind. Das Turnier bleibt also top besetzt.

Die Lessienerin weiß, dass so ein Wettbewerb in diesen Corona-Zeiten nicht selbstverständlich ist. „Man merkt es auch in Deutschland, die Zahlen sind hoch, es gab sehr, sehr viele Todesfälle im letzten Monat und ich denke wir haben Glück, dass wir überhaupt eine Kontaktsportart durchführen können“, sagt Scoccimarro, die froh ist, „dass wir einfach reisen können. Ich möchte die Möglichkeit nutzen, um einfach nochmal hoffentlich ein Ausrufezeichen für die Olympia-Quali zu setzen.“

Die gestrige Auslosung bescherte Scoccimarro – an Nummer 6 gesetzt – zum Auftakt ein Freilos. Danach geht’s im Pool D gegen die Siegerin des Duells zwischen Barbara Matic (Kroatien) und Alice Bellandi (Italien). Die Lessienerin besiegte Matic beispielsweise 2017, als sie als 19-Jährige im polnischen Warschau bei ihrer ersten Erwachsenen-EM direkt Silber gewann. Gegen Bellandi musste sich das MTV-Ass 2019 beim Grand Slam in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) unglücklich geschlagen geben.

Wiedersehen mit van Dijke?

Favoritin in diesem Pool ist die Weltranglisten-Dritte und Vize-Europameisterin Sanne van Dijke. Auf die Niederländerin könnte Scoccimarro im Pool-Finale, dem Viertelfinale treffen. Es wäre die Neuauflage des EM-Finals von 2017. Die Lessienerin wurde damals früh für eine kleine Wertung ausgekontert, fightete danach verbissen, aber vergebens. Im November 2019 gelang ihr in der Bundesliga aber die Revanche – sie siegte per Ippon.

Miriam Butkereit, die zweite deutsche Starterin, trifft im Pool A auf die Marokkanerin Assmaa Niang, im Erfolgsfall wartet die Weltranglisten-Erste Eve Marie Gahie (Frankreich) auf Scoccimarros nationale Konkurrentin. Ernst wird es für Scoccimarro am Dienstag. Dann steigt ihr Wettbewerb. Sie will liefern. Es wäre wichtig für die Olympia-Quali, fürs Selbstvertrauen – und sie könnte nach ihrer Rückkehr die Fläche von Katar auf ihrer Rubbel-Weltkarte mit einem guten Gefühl freilegen.

Wolfsburger Allgemeine, Seite 29, 11.01.2021