Nominierungsfrist ist erst am 15. Juni. Beim Grand Slam in Kazan will das Vorsfelder Judo-Ass ihre Stellung unterstreichen.

Giovanna Scoccimarro (r.) F.: Archiv
Giovanna Scoccimarro (r.) F.: ArchivDaniel Hotop

Vorsfelde Jetzt wird es ernst: Giovanna Scoccimarro steht vor ihren letzten Wettkämpfen vor der Nominierung für die Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli bis 28. August). Das Judo-Ass des MTV Vorsfelde startet am Donnerstag beim Grand Slam im russischen Kazan, danach kommen nur noch die Weltmeisterschaften in Budapest (6. bis 13. Juni), ehe der deutsche Judobund (DJB) am 15. Juni endgültig bekanntgeben wird, wer Deutschland in der Klasse bis 70 Kilogramm bei den Spielen vertreten wird.

Die Corona-Pandemie sorgt für eine Kaugummi-Nominierung für die Athleten. Denn eigentlich war Anfang März 2020 schon alles klar, die U21-Weltmeisterin von 2017 hatte ihr Tokio-Ticket bereits in der Tasche, sich im Duell mit ihrer nationalen Konkurrentin Miriam Butkereit (Glinde) durchgesetzt und konnte sich gut vier Monate vor dem eigentlich angesetzten Termin der Olympischen Spiele voll und ganz auf die Vorbereitung konzentrieren.

Dann warf die Pandemie alles durcheinander, die Vorbereitungsphase, den Wettkampfkalender, und schließlich wurden auch das Turnier in Judo-Land Japan um ein Jahr verschoben. Nach dem Judo-Re-Start im vergangenen Herbst war die Ungewissheit groß, auch Scoccimarro im Unklaren, ob ihre Nominierung weiterhin Bestand hat. Erst kürzlich hat der DJB Klarheit geschaffen in Sachen Nominierungsfrist – und der eigentlich bereits nominierten Vorsfelderin weitere Wochen des Zweifels beschert, die sich am Ende hoffentlich nicht leistungshemmend auswirken, denn natürlich macht es etwas mit dem Psyche der Sportler.

Wie geht Scoccimarro damit um? Natürlich wüsste sie gerne, woran sie ist. Sie sagt aber: „Ich habe es angenommen und versuche, es positiv anzunehmen. Ich kann ja nichts dagegen machen. Es ist ein Fakt, mit dem ich umgehen muss“, so die 23-Jährige. Sie versucht, fast alle Randaspekte auszublenden, sich allein auf Training und Wettkampf zu konzentrieren. Zum Grand Slam war sie am Montag von Berlin über Moskau nach Kazan geflogen, durfte am Dienstagabend die Hotel-Quarantäne verlassen.

Was bei dem Nominierungs-Zweikampf in dieser Gewichtsklasse nicht zu vergessen ist: Theoretisch hat die Nominierung von vor 14 Monaten weiter Bestand, nur hält sich der Verband ein Hintertürchen offen. Und: In dem Duell mit Butkereit, die ebenfalls in Kazan an den Start gehen wird, hat sie weiterhin einen Vorsprung. Als Achte der Weltrangliste steht das MTV-Ass mehr als 600 Punkte vor Butkereit, der Nummer 13 der Welt. Nur ein Athlet darf pro Nation und Gewichtsklasse für Tokio gemeldet werden, die sportliche Qualifikation hätten wohl beide geschafft.

In Russland tritt Scoccimarro nun an, um „vor den Weltmeisterschaften noch einmal ein Statement zu setzen“, wie sie sagt. Nach Bronze beim Masters in Katar und dem frühen Aus in ihrem Pool in Tel Aviv ist eine Medaille ihr Ziel. Von der Setzliste ausgehend, ist das absolut im Bereich des Möglichen. Viele Topathletinnen verzichten auf die WM-Generalprobe, aus den Top 20 der Welt sind nur sieben Athletinnen dabei, die Wolfsburger Top-Sportlerin ist an Position 2 gesetzt.

Auf die topgesetzte Japanerin Chizuru Arai (Pool A) könnte Scoccimarro also erst im Finale treffen, übrigens auch auf ihre deutsche Konkurrentin Butkereit (Pool B/Freilos). In Runde 1 im Pool C hat sie ein Freilos. Danach wartet die Siegerin aus dem Kampf zwischen Ai Tsunoda Roustant (Spanien/47. der Weltrangliste) und Asma Alrebai (Brunei/67.). Der Vorsfelderin ist das herzlich egal, sie beschäftigt sich nicht allzu viel mit ihren Gegnerinnen, will ihren Stiefel durchziehen in Kazan – auch mit Blick auf ihre Olympia-Qualifikation: „Mir ist wichtig, dass ich in Kazan zeige: Leute, ihr könnt mit mir rechnen. Ich bin nicht umsonst für die Spiele nominiert.“

Wolfsburger Nachrichten, 06.05.2021, Seite 30