Das Judo-Ass des MTV Vorsfelde will bei den Weltmeisterschaften in Budapest überzeugen – und endlich die Bestätigung für Olympia in Tokio haben.

Von Daniel Hotop


Vorsfelde/Budapest Fast 1000 Punkte beträgt der Vorsprung von Giovanna Scoccimarro in der Judo-Weltrangliste bis 70 Kilogramm vor ihrer Konkurrentin Miriam Butkereit (Glinde). Und doch hat das Judo-Ass des MTV Vorsfelde ihr Ticket zu den Olympischen Spielen – die sportliche Norm hat sie als Achte der Welt schon lange erfüllt – noch nicht sicher. Noch in einem Wettkampf gilt es zu überzeugen, die Weltmeisterschaften in Budapest, die am Sonntag begannen, sind Tokio-Generalprobe und finale Feuertaufe in einem. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die 23-Jährige über den langen nationalen Zweikampf, den Super-Hardcore-Wettbewerb WM und ihr Corona-Jahr als Leistungssportlerin.

Die Weltmeisterschaften sind der letzte Wettkampf vor der Olympia-Nominierung, Sie gehen in diesen als Nummer 1 im deutschen Zweikampf mit Miriam Butkereit. Was fehlt aus Ihrer Sicht noch für die Nominierung?

(lacht) Die offizielle Pressemitteilung des Deutschen Judo-Bunds. Ich habe zuletzt auch noch mit meinem Stützpunkttrainer (Miguel Oganda Lopes/Anm. d. Red) darüber gesprochen. Und er hat gesagt, dass Olympia für mich eigentlich sicher ist. Aber ich bin noch etwas zurückhaltend. Der Wettkampf selbst ist mir auch wichtig, ich möchte gut abschneiden. Und bevor es keine offizielle Meldung gibt, glaube ich es nicht.

Eine offizielle Pressemitteilung mit Ihrer Nominierung hatte es Anfang März 2020 bereits einmal gegeben, nach dem Grand Slam in Düsseldorf Ende Februar. Dann kam die Pandemie, Olympia wurde um ein Jahr verschoben und der Zweikampf erneut ausgerufen. Fühlt es sich für Sie nun vor der Weltmeisterschaft so ähnlich an wie vor dem Grand Slam damals?

Das ist schwer vergleichbar. Ja, Düsseldorf war damals mit dem dritten Platz schon noch einmal wichtig, zumal ich vorher beim Grand Prix in Tel Aviv früh rausgeflogen war. Doch ein Grand Slam lässt sich von der Wertigkeit nicht mit einer Weltmeisterschaft vergleichen, zumal es jetzt für den ersten Platz 2000 Punkte gibt und nicht 1000 wie beim Grand Slam, das sind ganz andere Welten.

Wie haben Sie das letzte Jahr mit der Corona-Pandemie erlebt?

Positiv gesehen kann ich sagen, dass ich einige Defizite aufholen konnte, was ich ohne die Pandemie nicht in der Geschwindigkeit geschafft hätte. Meine Kraftwerte sind beispielsweise besser geworden, ich habe mich auch im technischen Bereich weiterentwickelt und mehr arbeiten können. Auch wenn ich erst im Juli wieder mit Judo anfangen konnte, hatte ich immer auch die Möglichkeit zu trainieren. Der größte Nachteil war für mich die Verschiebung der Olympischen Spiele, für die ich das Ticket 2020 eigentlich sicher hatte.

Haben Sie sich inzwischen komplett an die Situation mit ständigen Testungen und Hotel-Quarantäne vor dem Wettkämpfen gewöhnen können?

Ja, es ist schon fast normal und gehört mit dazu. Die Tests finde ich sinnvoll, und ich weiß schon, wie ich mich in der Quarantäne beschäftigte und nehme mal ein Buch mehr mit. Das ist in Ordnung.

In diesem Jahr gehen die Topnationen die WM ganz unterschiedlich an: Frankreich schickt mit Marie Gahie seine Nummer 1, Japan seine Nummer 2. Mit was für einer WM rechnen Sie?

Mit einer starken. Es wird nicht einfach, denn es fehlen von den Topleuten nur Margaux Pinot aus Frankreich und Chirizu Arai aus Japan. Es ist sehr schwierig einzuschätzen und wird auch von der Auslosung abhängen. Zumal es einige gute Kämpferinnen geben wird, die in der Weltrangliste vielleicht nicht so hoch gerankt sind. Vor Olympia ist es der Super-Hardcore-Wettbewerb, den man haben kann.

In Deutschland hat man sich für einen anderen Weg entschieden. Miriam Butkereit und Sie sind in der Klasse bis 70 Kilogramm noch in einem Duell für das eine nationale Olympia-Ticket. Wie hätten Sie entschieden?

Eigentlich hätte die Entscheidung schon am 7. April fallen sollen, nach den Grand Slams in Tiflis und Antalya, wo wir nach den Coronafällen mit der Nationalmannschaft aber nicht antreten konnten. Ich persönlich hätte dann unser Trainingslager auf La Palma aus dem April in den Mai verschoben, um stattdessen an den Europameisterschaften teilzunehmen und nach dem Grand Slam in Kazan Anfang Mai die Nominierung bekanntgegeben. Es hätte bei einer EM nicht so viele Punkte wie jetzt bei der WM gegeben. Aber sollte ich in Budapest einen schlechten Tag erwischen und Miriam Weltmeisterin werden, dann würde sie für diesen einen Wettbewerb 2000 Punkte erhalten und mich eventuell überholen. Es ist Judo, da kann es schnell gehen.

Macht sich diese spezielle und lange Konkurrenzsituation zwischen Ihnen und Miriam Butkereit bemerkbar?

An sich kommen wir gut miteinander aus. Wir sprechen ganz normal, aber es ist eine gewisse Anspannung zu spüren. Im Trainingslager auf die WM in Kienbaum haben wir zuletzt beispielsweise Fotos für die Autogrammkarten zu den Olympischen Spielen und zu der WM gemacht: Dann stehen da Anna-Maria Wagner und ich. Und dann sagt der Fotograf: „Giovanna geht jetzt mal raus, und Miriam kommt rein. Dann geht die Miriam raus und die Giovanna kommt rein.“ Das war noch einmal eine Situation, in der man sich fragen konnte, ob den Entscheidungsträgern nicht klar ist, was das mit einem persönlich macht.

Was macht das mit Ihnen?

Ich würde gerne einen Film von mir aus den vergangenen eineinhalb oder zwei Jahren sehen und wie meine Familie und mein Freund mich da wahrgenommen haben. Ich denke, dass kennt jeder, wenn man so angespannt ist, dann nach Hause kommt, sich der Frust an den Falschen ablädt und man einfach nur in Ruhe gelassen werden möchte. Vor der Verlegung der Olympischen Spiele hatte man sich bewusst für eine frühe Nominierung entschieden, damit wir Athleten uns optimal auf Tokio vorbereiten können. Jetzt ist es das komplette Gegenteil. Das ist sehr speziell.

Was steht für Sie in Budapest im Vordergrund: die Olympia-Nominierung oder die WM-Platzierung?

Das geht beides Hand in Hand für mich. Natürlich würde ich mich riesig über eine WM-Medaille freuen. Das ist ohnehin mein Ziel. Und natürlich möchte ich auch zu den Olympischen Spielen fahren und mir das nicht so kurz vor dem Ziel noch nehmen lassen, weil ich hart dafür kämpfe und trainiere und seit über einem Jahr keinen Seelenfrieden damit habe. In den meisten Gewichtsklassen haben die Athleten ihr Ticket für Tokio bereits sicher und niemanden, der ihnen im Nacken sitzt. Wenn man das über einen so langen Zeitraum hat, ist es nervig und kräfteraubend.

Sie wurden bereits Anfang Mai mit Johnson und Johnson geimpft. Gibt Ihnen das ein Gefühl der Sicherheit?

Ich finde es gut, dass ich geimpft bin. Aber die vielen Tests in den vergangenen Monaten haben mir auch schon viel Sicherheit gegeben. Die Impfung ist jetzt sozusagen die Kirsche auf der Torte. Wir werden auch weiterhin viel getestet. Ich gehe zwar schon davon aus, dass ich durch die Impfung geschützt bin. Aber dennoch kann es mal einen positiven Test geben. Und wir machen einen Vollkontaktsport, da möchte ich gar nicht wissen, wie schnell Corona sich verbreiten könnte. Die Wettkämpfe in Tiflis und Antalya haben das ja bereits gezeigt.

Bei der WM 2019 sind Sie im Achtelfinale ausgeschieden. Was ist Ihr Ziel für Budapest?

Auf jeden Fall weiterzukommen als damals und eine Platzierung zu erreichen. Setzplatz 5 ist dafür auf jeden Fall nicht so verkehrt.

Wolfsburger Nachrichten 2021 – Alle Rechte vorbehalten
08.06.2021, Seite 28