Judo: Aus im epischen Achtelfinale – In der Rangliste für Tokio bleibt die Lessienerin vorn

Von Maik Schulze
Bangen um Olympia: Giovanna Scoccimarro will nach Tokio, am Dienstag fällt der DJB die Entscheidung. Foto: imago images/Revierfoto

Budapest. Was für ein Drama! Bei der Judo-WM in Budapest verlor Giovanna Scoccimarro ein episches Achtelfinale. Nach fast neun Minuten im Golden Score (ein regulärer Kampf dauert vier Minuten) unterlag sie Aoife Coughlan (Australien) mit 3:2 Bestrafungen. Ihre nationale Konkurrentin Miriam Butkereit (Glinde) verpasste später Bronze, wurde Fünfte. Was das für die Olympia-Hoffnungen der Lessienerin bedeutet, wird sich spätestens am 15. Juni zeigen, dann gibt der Deutsche Judobund (DJB) die Nominierungen für die Spiele in Tokio im kommenden Monat bekannt.

Pro Gewichtsklasse darf bei Olympia nur eine Starterin je Nation auf die Matte. In der Gewichtsklasse (bis 70 Kilogramm) ist Scoccimarro, die für den MTV Vorsfelde startet, seit Monaten die heißeste Anwärterin. Auch, weil sie im Vorjahr das Tokio-Ticket schon sicher hatte. Doch dann kam Corona. Olympia wurde verschoben, der Quali-Zeitraum verlängert. Bis zu dieser WM in Ungarn.

Doch obwohl Butkereit in Budapest besser abschnitt als die Lessienerin, bleibt Scoccimarro in der Quali-Rangliste für Olympia vor ihr. Mit rund 1000 Punkten Vorsprung war sie in die WM gegangen, Butkereit machte „nur“ 400 gut. Die Frage ist nun: Was gibt bei der Nominierung letztlich den Ausschlag: Die Rangliste, die einen kontinuierlichen Verlauf und Leistungsstand widerspiegelt oder der allerletzte Eindruck bei der WM, nur wenige Wochen vorm Olympia-Start? Frauen-Bundestrainer Claudiu Pusa betonte bereits im April, dass er jene Athletin nach Tokio schicken werde, „die die beste Chance auf eine Medaille hat“. Und was sagt Scoccimarro? „Ich kann jetzt nur noch nächste Woche Dienstag abwarten und hoffen, dass ich vom DJB weiterhin für die Olympischen Spiele nominiert bin. Bis dahin wird wohl erst einmal Angst und Zittern angesagt sein.“

Weil die WM für sie früh vorbei war: Nach einem Freilos ging es für die an Nummer 5 gesetzte Scoccimarro gegen die Asien-Meisterin Gulnoza Matniyazova. Die Lessienerin wirkte zwar aktiver, wurde aber zunächst von der Usbekin ausgekontert. Scoccimarro blieb etwas über einer Minute, um den Rückstand zu korrigieren.

Und sie bewies Nerven, behielt die Ruhe und überrollte die Usbekin noch, feierte nur Sekunden später einen Ippon-Sieg. Die 23-Jährige atmete danach tief durch: „Ich bin nicht optimal in den Kampf gekommen, war aber froh, dass ich den Rückstand noch aufholen konnte.“

Im Achtelfinale gab es dann das Wiedersehen mit Aoife Coughlan. Gegen die Australierin holte sie im Januar beim Masters Bronze im Golden Score. In Budapest ging’s erneut in die Verlängerung – und die wurde episch.

Bis dahin hatte die mehrfache Ozeanien-Meisterin tapfer gegen Scoccimarros Wucht gekämpft, war mit einem Shido davongekommen. Im Golden Score arbeiteten sich die beiden dann aneinander ab, letztlich gaben die Bestrafungen den Ausschlag, Scoccimarro kassierte den dritten Shido nach 8:50 Minuten in der Verlängerung. Nach insgesamt 12:50 Minuten. Nach einer Kampfzeit also, die für über drei Duelle gereicht hätte – und doch nur eines war. Eine bittere Niederlage für Scoccimarro. „Ich wusste vorher, dass es nicht easy wird. Ich bin einfach enttäuscht, dass ich diesmal gegen ihren Kampfstil nicht angekommen bin.“ Auch Coughlan war danach platt, verlor noch zweimal in Folge.

Die WM geht in Budapest noch bis zum Sonntag weiter, aber die Lessienerin wird heute heimkehren. Und bis Dienstag zittern. Sie will nach Tokio. 2020 wäre sie definitiv dabeigewesen. Und auch wenn Butkereit gestern besser abschnitt – verdient hätte Scoccimarro es sich auch 2021.

Wolfsburger Allgemeine, 11.06.2021, Seite 36