„Dabei sein ist alles“ – das reicht der Top-Kämpferin des MTV Vorsfelde nicht.

Giovanna Scoccimarro steht vor ihren ersten Olympischen Spielen. Das Vorsfelder Judo-Ass kämpft am kommenden Mittwoch und noch einmal im Teamwettbewerb am 31. Juli. Emanuele di Feliciantonio IJF.org/oh


Vorsfelde Es dürfte kaum eine Athletin im deutschen Olympia-Team geben, die einen härteren Weg nach Tokio hatte als Giovanna Scoccimarro. Obwohl das Judo-Ass des MTV Vorsfelde seit Jahren zur Weltspitze in der Klasse bis 70 Kilogramm gehört, hielt sie ihr Ticket erst Mitte Juni in den Händen. Mit Miriam Butkereit aus Schleswig-Holstein hatte sie die ganze Zeit über eine hartnäckige nationale Konkurrentin, der sie immer zutrauen musste, ihr die einzige Fahrkarte für Deutschland noch wegzuschnappen. Und für die 23-Jährige zählt der olympische Gedanke nur so halb. „Dabei sein ist alles“ – das reicht der ehrgeizigen Topsportlerin nicht.

Mit sechs Jahren kam sie durch ihre beiden Brüder zum Judo, schon bald stellten sich die ersten Erfolge ein. Sie wurde im Nachwuchsbereich mehrfach deutsche Meisterin, gewann internationale Turniere. 2014 wurde sie U18-Europameisterin in Athen. Im Jahr 2017 gab’s die vorläufige Krönung: Bei den Frauen setzte Scoccimarro mit Platz 2 bei der Frauen-EM in Warschau das erste Ausrufezeichen, nur wenige Monate später folgte der Weltmeistertitel bei der U21 in Zagreb.

Olympia 2020 – das schien hier immer noch weit weg. Ursprünglich schien 2024 in Paris realistischer. Aber Tokio und die Wettkämpfe im traditionsreichen Nippon Budokan wurden mehr und mehr zum konkreten Ziel. Es folgten wichtige Treppchenplätze bei den großen internationalen Turnieren, nach Platz 3 im Februar 2020 beim Heim-Grand-Slam in Düsseldorf schien die Olympia-Quali schließlich durch. Der deutsche Judobund nominierte die Vorsfelderin.

Corona brachte die Zweifel zurück, das Rennen in der Klasse bis 70 kg wurde mit dem Neustart neu eröffnet. Das zehrte an den Nerven der 23-Jährigen, auch wenn sie in der Weltrangliste immer vor Butkereit lag. In den entscheidenden Momenten war sie da: Platz 3 beim Masters in Doha im Januar 2021 und ein zweiter Platz beim Grand Slam in Kazan manifestierten ihren Platz in den Top 10 der Welt und sorgten schließlich dafür, dass Bundestrainer Claudiu Pusa sich für Scoccimarro entschied.

Die Erleichterung war riesig, die Zeit, den Fokus nun voll auf Tokio zu richten, aber dafür denkbar kurz. Zwei Trainingscamps standen dazwischen an, zum einen ging es in die Niederlande, danach nach Kienbaum. „Es läuft gut, ich bin mit dem Training zufrieden“, sagt das MTV-Ass, das auch schon 2024 in Paris und 2028 in Los Angeles als Ziel ausruft.

Und jetzt? Montag flog Scoccimarro nach Tokio, bezog ihr Zimmer im Olympischen Dorf. „Ich war schon sehr überwältig vom Olympischen Dorf, vom kompletten Aufbau – es gefällt mir sehr“, sagt sie. Gut für sie: Das Judo-Ass war schon häufig in Japan, vor Corona mindestens einmal im Jahr. Probleme mit der siebenstündigen Zeitverschiebung hat sie daher keine.

Die Regeln für die Athleten sind coronabedingt streng, per App sind ihre Standortdaten für die Organisatoren immer abrufbar, einige Fälle hat es trotzdem schon gegeben. Die Auslosung war bereits vor der Eröffnung. Bei der Zeremonie ist sie dann dabei. Und bis zu ihrem Wettkampf will sie die anderen deutschen Judoka in der Halle unterstützen.

Die Vorsfelderin, die ihr Heimatklub mit einem Video verabschiedet hat, wird selbst am Mittwoch, 28. Juli, von 3 Uhr an (MESZ) auf die Matte gehen. Ihr Ziel? Das Maximum. „Ich werde schon versuchen, die Goldmedaille zu holen.“ Bronze und Silber wären auch okay. Gelungene Spiele wären es für sie, „wenn ich zufrieden bin, mit dem, was ich geleistet habe an dem Tag“.

Die Vorsfelderin wird in Topform sein müssen. Im Judo-Mutterland Japan würde man es nur zu gerne sehen, wenn die Gastgeber in allen Klassen vorne landen. In Scoccimarros Kategorie liegt Yoko Ono auf Platz 1 der Weltrangliste, Zweite ist die Französin Marie Gahie. Dadurch, dass pro Nation nur eine Starterin zugelassen ist, rutschte Scoccimarro von Platz 9 in der Weltrangliste auf Rang 6 im Olympia-Ranking. Im 28er-Feld hat sie einen Setzplatz inne.

Der Einzelwettbewerb ist nicht die einzige Medaillenchance. Am Samstag, 31. Juni, startet sie noch mit dem Mixed-Team im Mannschaftswettbewerb. „Die Mannschaft ist in der Lage, ein richtig gutes Team zu werden, und wir werden dort unser Bestes geben. Ich glaube, wir können als Mannschaft um die Medaillen kämpfen“, sagt Bundestrainer Pusa.

In Scoccimarros Olympia-Reisetasche sind auch eine Handvoll Glücksbringer – unter anderem ein altes Marzipanschweinchen, „das schon gar nicht mehr so aussieht“ – sowie reichlich Fruchtgummi. Nervennahrung für den Angriff auf Gold in Tokio. Die Nerven zu behalten, darin hatte das Judo-Ass aus Ehra-Lessien im Kreis Gifhorn in den vergangenen Jahren reichlich Übung. Erreicht die fokussierte Topathletin ihre Ziele, wäre das mehr als eine Entschädigung für das Zittern der vergangenen Monate.


Wolfsburger Nachrichten, Seite 26 23.07.2021