Bei Scoccimarro gibt’s auch Tränen

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Tokio/Wolfsburg. Im Viertelfinale musste sie ausgerechnet gegen die Top-Favoritin und spätere Gewinnerin Chizuru Arai aus Japan ran, Giovanna Scoccimarros Traum von Olympia-Gold war damit zwar am Mittwoch vorbei, dann griff sie aber in der Trostrunde nach Bronze. Doch bei ihrem Olympia-Debüt unterlag die Sportlerin des MTV Vorsfelde im Judo-Turnier der Frauen bis 70 Kilo der amtierenden Europameisterin und WM-Dritten, Sanne van Dijke (Niederlande). Trost gab es unter anderem von einem Gold-Gewinner und von ihrem Klub. Und von der Familie.

Scoccimarro sagte: „Ich glaube, es dauert noch ein wenig, bis ich die Glückwünsche annehmen kann.“ Und:„Es ist der größte Erfolg meiner Karriere und das bei meinen ersten Olympischen Spielen. Aber natürlich sind auch ein paar Tränen nach dem Kampf geflossen. Damit muss man klarkommen.“

Lob gab es für ihren Auftritt von DJB-Sportdirektor Hartmut Paulat: „Giovanna hat sehr stark gekämpft und sich gut in Szene gesetzt. Am Ende fehlte aber ein Quäntchen Glück und Kraft.“

Sie hatte nach der ersten Einzelmedaille für Wolfsburg seit 1988 gegriffen. Damals hatte Frank Wieneke in Seoul Silber geholt. Auch im Judo. Für den VfL. 1984 hatte er für Wolfsburg schon Gold geholt. Der spätere Männer-Bundestrainer (sein Schützling Ole Bischof gewann 2008 Olympia-Gold) und heutige Dozent an der Sporthochschule in Köln verfolgte auch den Judo-Mittwoch aufmerksam, sagte über Scoccimarro: „Das war sehr schade. Sie hätte Sanne van Dijke auch schlagen können, sie hat eine tolle Leistung abgeliefert.“ Sein Urteil: „Sie hatte bei der Entscheidung die Hand nicht an van Dijkes Kittel, hatte den Griffkampf in der Situation verloren. Und dann kann das schnell gehen im Judo.“ Der Olympiasieger von 1984 macht der Lessienerin aber Mut nach der „undankbarsten Platzierung, die es gibt“ und fügte hinzu: „Sie ist eine außergewöhnliche Athletin.“

Im Vorsfelder MTV-Center hatten sich zur Trostrunde rund 20 Klubmitglieder vor dem großen Bildschirm versammelt. Der Vorsitzende des MTV, Lutz Hilsberg, und sein Stellvertreter Fabian Vandrey hatten seit dem frühen Morgen zugeschaut. Hilsberg fand: „Ein couragierter Auftritt und eine bittere Niederlage, Giovanna hat alles gegeben. Wir planen jetzt einen gebührenden Empfang für sie, wenn sie zurückkommt.“ Hilsberg weiter: „Sie hat alles gegeben und im Judo die Welt noch vor sich.“ Vandrey meinte: „Sie hat toll gekämpft.“

André Breitbarth, Olympia-Teilnehmer 2016 in Rio im Judo-Schwergewicht aus Leiferde, sagte: „Giovanna hat gut gekämpft, es ist schade, dass Sie am Ende ohne Medaille dasteht.“ Der Kampf um Bronze sei einer „mit Höhen und Tiefen gewesen. Mal war Giovanna nah dran, dann wieder die Niederländerin, die letztlich das glücklichere Händchen hatte“, so der 31-Jährige. „Man hat im Golden Score in Giovannas Gesicht gesehen, dass sie k.o. war, dass der Kampf, der ganze Tag kräftezehrend war.“

Scoccimarro kommt aus einer Judo-Familie, ihren älteren Brüdern, die auch mal hochklassig kämpften, hatte sie als Kind zugeschaut, dann selbst losgelegt. Federico Scoccimarro sagte am Abend: „Ich bin stolz wie Oskar auf sie.“ Das sagte er, als er die Ergebnisse studiert hatte. Denn die Kämpfe schauen er und sein Bruder Luigi selten live: „Aberglaube – und sie ist unser Nesthäkchen in einem harten Sport. Da will man nicht live erleben, wie sie sich verletzt.“ Aber anschauen werden sich die beiden die Kämpfe natürlich noch.

Mutter Martina hält es ähnlich, doch diesmal schaute sie mit ihrem Mann Domenico in Lessien gleich alle Kämpfe: „Toll“, sagte sie zum Auftritt der Tochter, „ich hätte nicht gedacht, dass einen Olympia so mitnimmt. So ganz habe ich es noch nicht realisiert.“ Und: „Wir haben viele Nachrichten bekommen, ich glaube, das ganze Dorf hat Giovanna zugeschaut, manche zum ersten Mal.“ rau/ums/dpa

Wolfsburger Allgemeine, 29.07.2021