Judo – Interview mit der Bronze-Gewinnerin: Die Lessienerin über Betten aus Karton, Souvenirs und ein Selfie

Von Maik Schulze
und Jürgen Braun
Olympische Momente: Giovanna Scoccimarro mit (v. l.) Novak Djokovic, Igor Wandtke im Budokan und bei der Siegerehrung für Team-Bronze. fotos: IJF (2)/Privat (2)

Hannover. Drei Jahre hat sich Judoka Giovanna Scoccimarro (23) auf Olympia in Tokio vorbereitet. Ihr sportlicher Alltag kannte kein anderes Thema. Jetzt sind die Spiele schon wieder Geschichte und die Lessienerin, die für den MTV Vorsfelde startet und in Hannover lebt und arbeitet, ist noch dabei, die Eindrücke zu verarbeiten – und auf der Suche nach einem Platz für ihre olympische Bronzemedaille mit dem Team.

Es gibt da dieses Selfie von Ihnen mit Tennis-Star Novak Djokovic. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie mit mehr Medaillen nach Hause kommen als der Gold-Favorit?

Nein, das wäre auch anmaßend gewesen. Es war übrigens reiner Zufall, dass wir uns über den Weg gelaufen sind. Da habe ich dann das Selfie gemacht.

Wo ist denn Ihre Medaille gerade?

Die liegt in der Küche. Wo sie ihren endgültigen Platz findet, weiß ich tatsächlich noch nicht.

Wenn Sie an Tokio denken, was kommt Ihnen da als Erstes in den Sinn?

Das olympische Dorf, die Judo-Halle und die Mensa.

Beginnen wir mit der Mensa – was war am Speisesaal so faszinierend?

Die Mensa fand ich beeindruckend, die war echt riesig. Man konnte Spezialitäten aus so vielen Ländern essen. Es war für jeden Geschmack etwas dabei. Ich habe aber meistens bei der japanischen Küche zugeschlagen.

Dann die Judo-Halle – wie war die Atmosphäre im Budokan?

Er war natürlich nicht so voll, wie er in Zeiten ohne Pandemie hätte sein können, aber die Atmosphäre war gut. Wenn ich an meinen Wettkampftag denke, waren alle anderen Judo-Athleten da zum Anfeuern. Man hat jeden gehört. Es wäre sicherlich etwas anderes gewesen, wenn auch Zuschauer zugelassen worden wären, aber auch so war es ein schönes Gefühl.

Fehlt noch das olympische Dorf – wie hat es sich da gelebt?

Ich habe das Apartment mit den ganzen Judo-Mädels von uns geteilt. Wir waren ja zu sechst, hatten drei Doppelzimmer. Ich war im Zimmer mit Martyna. Ich verstehe mich mit ihr am besten – und wir sind zusammen angereist.

Um Martyna Trajdos gab es ja einen kleinen medialen Aufruhr. Bundestrainer Claudiu Pusa hatte ihr vor dem Kampf zwei Ohrfeigen gegeben, wurde dafür vom Weltverband verwarnt. „Macht ihm keine Vorwürfe! Ich brauche das vor meinen Kämpfen, um wach zu sein“, schrieb Trajdos auf Instagram. Wie sehen Sie das?

Ich finde die mediale Reaktion übertrieben. Der Trainer hat es gemacht, weil die Athletin es wollte. Wir wollen doch den bestmöglichen Erfolg erzielen. Und wenn jemand den Trainer darum bittet, gehört es zu seinem Job. Das gehört manchmal beim Leistungssport dazu. Der Bundestrainer würde doch niemandem ohne Grund eine Ohrfeige geben!

Zurück zum Apartment – statt auf gewohnten Bettgestellen, wurde in Tokio auf Pappe geschlafen. Auf stabile Kartons wurde eine Matratze gelegt…

Viele haben gefragt: ,Wie kann man auf solch komischen Betten schlafen?’ Aber ich fand die echt bequem. Für diese Kartonbetten gab es auch einen Bereich im Dorf, wo man es sich auf den eigenen Körper hätte zuschneiden lassen können. Aber ich habe die erste Nacht gut in dem Bett geschlafen. Warum sollte ich also etwas ändern?

Es gibt Bilder vom olympischen Dorf, die den Eindruck einer Geisterstadt erwecken. Hat die Pandemie das Flair zerstört?

Wenn man um 4 Uhr morgens durch die Anlage geht, ist es natürlich eine Geisterstadt. Aber zu den Stoßzeiten, wenn Athleten zum Training unterwegs sind oder in die Mensa, dann war das definitiv keine Geisterstadt. Im olympischen Dorf ist es wie in Wolfsburg. Wenn Schichtwechsel ist, dann ist es voll. Und wenn kein Schichtwechsel ist, ist es normal. So war es auch im Dorf. Schade war nur, dass man andere Sportarten nicht als Zuschauer besuchen konnte.

Zu Feiern gab es zum Abschluss eine Bronzemedaille mit dem Team. Wo fand die Party statt?

Das olympische Dorf liegt an einem Hafen. Es ist alles so angebaut, dass es die japanische Gesellschaft danach nutzen kann. Da, wo wir gefeiert haben, war eine Art Spielwiese, ein Spielplatz. Der größte Anlaufplatz im Dorf waren aber die Olympischen Ringe, weil jeder davor ein Foto machen wollte.

Der Souvenir-Shop im Dorf soll auch sehr beliebt gewesen sein…

Ja, ich habe auch ein paar Sachen eingekauft. Größtenteils Shirts und Magneten als Mitbringsel.

Wie sehen Sie Ihre Wettbewerbe mit ein paar Tagen Abstand. Schmerzt das verpasste Bronze mehr als der erreichte fünfte Platz im Einzel – und war Team-Bronze ein Trost?

Die Analyse der Wettkämpfe mit meinen Trainern steht noch aus. Mir fällt eine Einordnung immer noch schwer. Ich bin noch enttäuscht über die Einzelleistung. Da brauche ich doch ein bisschen mehr Abstand. Der dritte Platz mit dem Team ist wie ein Trostpflaster, weil man final doch mit einer Medaille nach Hause kommen konnte.

Stichwort zu Hause? Beschreiben Sie doch mal die Ankunft nach der Rückkehr aus Tokio am Flughafen in Hannover.

Das war ganz witzig. Vor dem Weiterflug nach Hannover saß ich noch mit Judoka Igor Wandtke auf dem Flughafen in Frankfurt. Ich sagte zu ihm, dass ich mir vorstellen könnte, dass da ein paar Leute auf uns warten. Aber ich bin gerade so müde, dass ich mich auch freuen würde, wenn ich direkt nach Hause und sofort ins Bett könnte. Ohne, das böse zu meinen. Aber man hat kaum geschlafen, saß elf Stunden im Flieger. Die Filme waren zudem langweilig. Auf dem Flug nach Hannover bin ich kurz weggedöst, dann ging es mir schon besser. Als wir runtergegangen sind, habe ich zuerst meinen Bruder gesehen und als wir rausgegangen sind war es so voll. Ich habe damit gar nicht gerechnet. Meine Eltern, meine Geschwister, Freunde aus Wolfsburg, der MTV Vorsfelde, die Trainingsgruppe, die vielen Trainer. Das war überwältigend. Krass.

Und wie war das dann auf dem heimischen Sofa? Haben Sie gleich den Fernseher nach Ihrer Rückkehr angeschaltet – die Spiele gingen ja weiter.

Ein paar Sachen habe ich mir noch angeschaut, wenn ich Zeit und Lust hatte. Vieles habe ich aber über den Social-Media-Kanal von Team D erfahren.

War der Kopf gleich wieder in Deutschland oder noch bei Olympia?

Zwei Tage nach der Landung war ich laufen, habe über den Wettkampf sinniert und gedacht: ‚Krass, ich war bei den Olympischen Spielen und jetzt bin ich wieder hier. Und jetzt ist wieder alles normal.’ Das war komisch, alles schwer zu beschreiben. Die Zeit ist wie im Flug vergangen.

Es gab ja nicht nur den Spontan-Empfang am Flughafen. Können Sie noch in Sachen Ehrungen und Empfänge den Überblick behalten?

So schlimm ist es nicht. Mit meinem Handy behalte ich da den Überblick. An Fanpost bekomme ich zurzeit ein bisschen was, am Samstag steht eine Ehrung im Vorsfelder Rathaus an. Anfang September eine beim Verein, es gibt auch eine Autogrammstunde und eine Ehrung von der Stadt Wolfsburg. Ich hatte jetzt auch zwei, drei Radio-Interviews. Das war ganz witzig.

Warum?

FFN hat mir nach den Spielen noch viele Haribo-Tüten geschickt, das fand ich süß.

Stichwort Haribo. Auf den Social-Media-Kanälen war diese Leidenschaft auch ein Thema…

Ja, es gab das Team Goldbär, als Support und Unterstützung, weil ich so vernarrt in den Süßkram bin. Das war schon lustig.

Haben Sie jetzt eigentlich ein paar Tage frei?

Ja, arbeits- und trainingsfrei. Definitiv bis Ende August. Das ist ungewohnt. Natürlich mache ich ein bisschen Sport – sonst würde ich durchdrehen. Aber wenn mich mein Trainer in der Judo-Halle erwischen sollte, hat er versprochen, dass er mich direkt wieder rauswirft. Das werde ich also erst einmal nicht versuchen.

Der nächste Olympia-Zyklus startet im nächsten Jahr. Bis Paris 2024 sind es nur drei Jahre. Ist es gut, dass es bald wieder in die Vollen geht – und haben Sie wie vor Tokio bereits wieder „Du wirst Olympiasiegern“ ans Ende jeder Woche in Ihren Kalender geschrieben, um sich mental zu pushen?

Nein, nein. Tatsächlich nicht. Erst einmal muss ich ja die Qualifikation schaffen. Ich freue mich aber definitiv darauf. Dass es bald weitergeht, ist gar nicht so schlecht.

Noch einmal zurück zu Tennis-Star Djokovic. Er steht weiterhin im Rampenlicht, Sie müssen mit Ihrer Sportart bis zu den nächsten Olympischen Spielen warten. Würden Sie manchmal nicht gern mit Ihm tauschen?

Judo wird nie die Massen begeistern wie Tennis. Aber auch wir haben unsere Fans und stehen irgendwie im Rampenlicht. Vielleicht werde ich nie so ein krasser Star sein wie Djokovic und ich werde mit meiner Sportart nicht so viel verdienen können. Aber ich bin glücklich beim Judo. Am Ende meiner sportlichen Karriere möchte ich sagen können: ,Ich habe alles gegeben. Ich bin zufrieden.’ Das ist doch das Wichtigste.

Wolfsburger Allgemeine, Seite 31, 11.08.2021