Judo: Lessienerin beim Grand Slam in Kazan Zweite – Tokio-Ticket kaum noch zu nehmen – Butkereit früh raus

Von Maik Schulze
Olympia ist ihr kaum noch zu nehmen: Giovanna Scoccimarro (o., hier bei ihrem Halbfinal-Sieg gegen die Brasilianerin Maria Portela) gewann beim Grand Slam in Kazan Silber und hält das Tokio-Ticket immer fester in der Hand.Foto: Gabriela Sabau/IJF

KAZAN. Jetzt wird’s richtig heiß im Kampf ums Tokio-Ticket – und Giovanna Scoccimarro brennt. Beim Grand Slam in Kazan setzte die Lessienerin das nächste Ausrufezeichen im Duell mit Miriam Butkereit (Glinde). Während ihre nationale Konkurrentin in der Klasse bis 70 Kilogramm früh rausflog, sicherte sich das Judo-Ass des MTV Vorsfelde Silber, schrammte an Gold hauchdünn vorbei! Damit baute sie ihren Vorsprung in der Olympia-Quali auf Butkereit deutlich aus. Die Olympia-Teilnahme ist Scoccimarro kaum noch zu nehmen. Nun folgt nur noch die WM im ungarischen Budapest – und die endgültige Nominierung am 15. Juni für die Spiele.

Am Ende setzte Scoccimarro ein Ausrufezeichen, aber zunächst mit zittriger Hand. Nach einem Freilos traf sie auf Ai Roustant Tsunado. Die ehemalige U18-Weltmeisterin aus Spanien hatte den Vorteil schon einen Kampf absolviert zu haben und wirkte giftig. Sie ist zwar einen Kopf kleiner, dafür flink auf den Beinen. So ging’s für Scoccimarro gleich in den Golden Score – und der dauerte mit vier Minuten neun Sekunden länger als die eigentliche Kampfzeit (vier Minuten). Doch die 23-Jährige bewies Nervenstärke, holte sich die entscheidende Wertung.

Butkereit, die in der Welt- und Olympia-Quali-Rangliste deutlich hinter der Lessienerin liegt, musste nachziehen, traf wie erwartet auf Madina Taimazova. Die Lokalmatadorin hatte schon Scoccimarro bei der EM 2020 das Leben schwer gemacht, jetzt bekam die Glinderin die Stärke der Russin zu spüren. Auch hier war es ein Kampf auf Messers Schneide, der sich in die Länge zog. Weil sich die Deutsche an der rechten Hand verletzte und wohl blutete gab’s eine Pause. Mit kleinem Handverband kehrte Butkereit zurück – und zog sieben Sekunden vor Schluss den Kürzeren. Die Glinderin hatte damit auch das Fernduell mit Scoccimarro früh verloren.

Die Frage lautete nun, wie sehr kann Scoccimarro ihren Vorsprung ausbauen? Im Pool-Finale wartete die Marokkanerin Asmaa Niang – und die MTV-Athletin war spätestens jetzt im Turnier, wirkte leichtfüßiger, gelöster aber weiterhin konzentriert. Gegen Niang wurde es kein Nervenspiel. Ipponsieg nach knapp zwei Minuten. Willkommen im Halbfinale.

Da wartete die Maria Portela, in der Welt-Rangliste direkt hinter ihr auf Rang neun notiert – und mit der Brasilianerin das nächste Nervenspiel. Wieder Golden Score, wieder das bessere Ende für die 23-Jährige, nachdem die Südamerikanerin ihren dritten Shido kassiert hatte. Scoccimarro hatte ihren Setzplatz 2 damit bestätigt, im Finale ging’s gegen Butkereit-Bezwingerin Taimazova.

Und fast hätte Scoccimarro ihren Auftritt vergoldet, sie dominierte die Russin, war in der regulären Kampfzeit mehrfach nah dran an einer Wertung. Auch im Golden Score wirkte sie frischer, nach 1:31 Minuten musste die Lokalmatadorin, immer wieder angefeuert von heimischen Zuschauern, aber kurz die Matte verlassen, um sich behandeln zu lassen. Doch die Pause half ihr zunächst nicht. Gegen eine Scoccimarro, die diesen Sieg wollte, weiter brannte. Aber immer wieder an der entscheidenden Wertung vorbeischrammte, Taimazova blieb nur die Defensive, sie kassierte einen zweiten Shido, beim dritten wäre Schluss. Doch dann tat sich nach 4:31 Minuten eine Lücke auf. Die Russin schlug zu, bekam nach Videobeweis einen Waza-ari zugeschrieben. Ein ärgerliches, weil unnötiges Ende eines unter dem Strich aber starken Wettkampfs für die Deutsche. In der Weltrangliste wird die Lessienerin klettern.

Und: Die 23-Jährige hielt mit ihrem zweiten Grand-Slam-Silber nach Brasilia 2019 Wort. „Ich will meine Leistung unter Beweis stellen und dem Trainer zeigen: Ich kann das, keine Sorge“, hatte sie im Vorfeld der AZ/WAZ im Hinblick auf die Olympia-Quali gesagt. Bundestrainer Claudiu Pusa sah: Sie kann es.

Damit holte Scoccimarro 700 Punkte für die Olympia-Rangliste, eilt mit 5153 Punkten Butkereit (3981) immer weiter davon. Die Glinderin könnte nun nur noch vorbeiziehen, wenn sie bei der WM in Ungarn im Juni mindestens Silber holen und deutlich vor Scoccimarro landen würde.

Bereits am heutigen Freitag geht’s zurück in die Heimat. „Wir sind gestaffelt angereist und reisen auch wieder gestaffelt ab“, erklärt Scoccimarro. Alles, um die Sportler und Sportlerinnen bestmöglich vor Corona zu schützen.

Deshalb sollen die deutschen Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den Olympischen und Paralympischen Spielen in Tokio ein rechtzeitiges Impfangebot gegen Covid-19 erhalten. Das hat das Corona-Kabinett entschieden. „Ich schätze es, dass so viel organisiert wird, dass wir geimpft werden“, sagt die Lessienerin und fügt hinzu: „Ich denke, das wird relativ bald geschehen.“

Wolfsburger Allgemeine, Seite 36, 07.05.2021