Judo: Die Lessienerin hält viel von der Immunisierung, möchte aber keinen Bonus – Seit gestern im Trainingslager in Österreich

In einem halben Jahr soll Olympia starten: Giovanna Scoccimarro hofft auf ihre ersten Spiele, die Verantwortlichen auf viele geimpfte Teilnehmer.Fotos: AP/BioNTech SE 2020/Marina Mayorova

Mittersill. Ausrufezeichen gesetzt, in der Weltrangliste geklettert, das Tokio-Ticket fest in der Hand – sportlich läuft’s bei Giovanna Scoccimarro. Doch eine Sorge bleibt: Wird dem Judo-Ass des MTV Vorsfelde 2021 erneut aufgrund der Corona-Pandemie die Olympia-Teilnahme geraubt? Die Lessienerin hofft, dass die Spiele im Sommer starten können. Und sie hat eine klare Meinung zur aktuellen Diskussion, ob und wann Olympia-Starter sich gegen Covid-19 impfen lassen sollten.

Ein halbes Jahr bis Olympia

In knapp einem halben Jahr sollen die Olympischen Spiele (23. Juli bis 8. August) nachgeholt werden. Scoccimarro untermauerte ihren Anspruch, Deutschland in der Klasse bis 70 Kilogramm in Japan vertreten zu dürfen jüngst mit Platz drei beim Masters in Doha. Sie gewann die einzige Medaille für die deutschen Frauen. Sportlich ist Scoccimarro auf ihrem Weg nach Japan eigentlich nicht mehr zu stoppen. Doch was macht die Sorge, dass Olympia vielleicht doch komplett ausfallen muss?

„Ich lasse negative Gedanken beiseite. Sicherlich redet man auch im Training darüber und hofft, dass es stattfindet. Und es soll soweit ja gut aussehen“, sagt die 23-Jährige, die dem Ausrichter vertraut: „Die Japaner sind sehr bemüht und sehr hinterher. Wenn man die japanische Kultur kennt, weiß man, dass es ihnen wichtig ist, dass andere sich dort wohlfühlen. Es ist ein super gastfreundliches Land und ich denke, sie werden alles dafür geben, dass die Spiele stattfinden werden.“

Allerdings: Selbst im innersten Kreis der Organisatoren wuchsen zuletzt Zweifel an einer Austragung in diesem Sommer. Auch beim dienstältesten Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), dem Kanadier Richard Pound. „Ich kann mir nicht sicher sein, weil die Wellen des Virus immer noch wie ein Elefant im Raum stehen“, wird der 78-Jährige von der BBC zitiert. Zuvor war in Tokio erneut der Notstand ausgerufen worden, die Zahlen der Corona-Neuinfektionen stiegen auf Rekordhöhen. Es gilt ein weitreichendes Einreiseverbot bis 7. Februar.

IOC-Präsident Thomas Bach versicherte aber, dass Spekulationen um eine bereits von Japan beschlossene Absage der Tokio-Spiele falsch seien. „Alle Aussichten sind gut, wir arbeiten hart.“

Pound machte sich jüngst dafür stark, Olympia-Starter bei den Corona-Impfungen zu bevorzugen. Als Vorbilder würden sie eine wichtige Botschaft senden, in der es nicht nur um die eigene Gesundheit gehe, „sondern auch um Solidarität und die Rücksicht auf das Wohlbefinden von anderen in ihrem Umfeld“.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) fragt nun mit Blick auf Tokio die Einstellung der Athletinnen und Athleten zur Corona-Impfung ab. „Das IOC hofft sehr, dass die überwiegende Mehrzahl der Athleten und Betreuer geimpft anreisen wird“, so DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Aber: Bevorzugt werden sollen deutsche Olympia-Starter in der Impf-Reihenfolge nicht.

Richtig so, findet Scoccimarro, die viel von Impfungen aber nichts von einer Bevorzugung hält: „Ich habe selbst auch schon gesagt, ich persönlich würde es wichtiger finden, dass die Risikogruppen den Vorrang haben.“ Denn: „Dass es mich betrifft, da ist die Wahrscheinlichkeit gering.“

Nur „wenn sie sagen: ‚Du musst es, weil du Athletin bist’, würde ich es auch definitiv machen“, sagt die Lessienerin. „Irgendwann werde ich es wahrscheinlich eh als Nachweis haben müssen.“ Eine Impf-Pflicht hat das IOC bislang ausgeschlossen.

Hörmann erwartet jedenfalls, dass sich „die Lage in zwei bis drei Monaten deutlich entspannt. Diejenigen, die sich als Botschafter unseres Landes hinter der Fahne für Deutschland versammeln, sollten dann auch drankommen können.“

Seit Sonntag in Österreich

Weiter offen ist auch die Frage, ob bei den Spielen Zuschauer zugelassen werden. Es könnte möglich sein, dass die Zahl zumindest reduziert werden müsse, wie Bach durchblicken ließ. „Mein Papa und mein ältester Bruder würden mitkommen, wenn es möglich ist“, verrät Scoccimarro.

Gestern reiste sie nach Mittersill (Österreich). Es ist das erste internationale Trainingslager seit Monaten. „Wahrscheinlich mit weniger Athleten als sonst“, so die 23-Jährige. Dennoch ein zurückgewonnenes Stück Normalität auf dem Weg, der sie im Sommer nach Tokio führen soll.

Wolfsburger Allgemeine, Seite 30, 25.01.2021